Bewegungs-Räume

Das „Schulungsprogramm der Natur“

Die Bewegungen des Pferdes sind so einzigartig wie der Fingerabdruck des Menschen. Die sehr persönliche Körpermechanik wird durch Knochenmaße bestimmt und stehen damit für das Fohlen bereits im Leib seiner Mutter fest. Schon das kleine Pferd hat so die Bewegungen „im Blut“, die es zum Überleben braucht – ganz individuell zugeschnitten und zusammengestellt. Kein Pferd bewegt sich wie ein anderes – jedes auf seine eigene persönliche, unverwechselbare und einzigartige Weise.

Der Körper des Pferdes ist ja von der Natur und der Evolution für Energieeffiziente schnelle und reaktive Bewegung über Jahrtausende hinweg „ausgebildet“ worden. In einem einzigartigen „Schulungsprogramm“ der Familienherde lernt das Pferd, wie es sich bewegen muss, damit es auch mit unterschiedlichen Bodenverhältnissen zurechtkommt, aber auch, wie vielfältige Bewegungen im Pferdekörper immer mehr Raum bekommen. In seinem persönlichen Bewegungsraum erweitert das Pferd seinen Körper zu den vielfältigsten Bewegungspositionen.

Einzelne Körperteile oder nur die Beine zu bewegen, würde für das Körpersystem des Pferdes buchstäblich keinen Sinn machen, weil es dann nicht das passende dynamische Gleichgewicht zu seinen Bewegungen „erlernen“ könnte. Und vielleicht ist das wirklich die wichtigste „Lektion“, die der junge Pferdekörper in den ersten Jahren erlernen muss: sein Gleichgewicht. Weil ja die optimale Körperausrichtung und Körperposition im – und für das Gleichgewicht immer neu gefunden werden muss. (Daran orientiere ich mich auch in den „biomotorischen Übungen).

Das Pferd braucht ein lernfähiges Gehirn.

Isolierte Bewegungen der einzelnen Körperteile zu üben, (wie wir es traditionell gewohnt sind) ist in der Natur viel zu Kräfte- und Energiezehrend (Nahrung, die die nötige Bewegungsenergie liefert, steht in der Natur nicht unbegrenzt zur Verfügung). Und eine Herde mit Herdenmitgliedern, die einseitige Bewegungen und ein fest verdrahtetes Gehirn haben, hätten keine Chancem andere Lebensräume zu erschließen, weit entfernte Wasserstellen zu finden, oder in weit entlegenen Regionen bessere Futterstellen zu suchen. Sprich: zu überleben.

Kein steifes und stabilisiertes Pferd überlebt lange in der Natur

Der Körper des Pferdes soll deshalb im „best case“ erwärmt, durchlässig und mit sich „in Kontakt“ sein. Sonst fehlt die Gelöstheit, sich auf die verschiedensten Punkte im Körper zu konzentrieren und die eigene Bewegungsorganisation immer wieder – und immer wieder umzustellen. So verstärkt das Pferd in seiner Suche nach Gleichgewicht auch sein Bewusstsein für die unterschiedlichen Bewegungsansätze (auch das wird ihnen in den „biomotorischen Übungen“ wieder begegnen).

Das Pferd „probt“ die verschiedensten Variationen der Gliedmaßen im Verhältnis zum Rumpf aus. (Nicht alle sehen dabei elegant aus) Dabei geht das Gelenkfokussieren von oben nach unten (vom Rumpf weg in die großen Gelenke und nach unten in die kleinen Gelenke) und zurück (von unten nach oben durch) was die Vielzahl der Möglichkeiten immer wieder noch mehr erweitert.

Nicht nur der Rumpf – also die Wirbelkette – auch die einzelnen Körperteile werden dabei in den Fokus der Wahrnehmung genommen: Kopf und Gesicht, Hals und Nacken, Schultergürtel, Kreuzbein und Becken, Brustkorb und Bauch, Vorder- und Hinterbeine und die Hufe als sensible „Vermittler“ zum Boden – kommen alle gleichmäßig „dran“.

Dabei nimmt das Pferd auch seine eventuellen Fixierungen und Blockierungen wahr. Genauso wie verspannte und entspannte Muskelgruppen, Wärme- und Kältezonen den Rhythmus des Atems und der einzelnen Körperteile – ohne aber sie „zielorientiert“ lösen oder zu dehnen zu wollen. Das Pferd bietet seinem Körper an, im Körper wieder eine andere „Ordnung“ herzustellen – durch die Vielfalt der Bewegungsspiele, durch wechselnde Positionen der Wirbelkette, durch Kopf hoch und Kopf runter, durch Beugung, Streckung und Dehnung, durch Verlängern und Verkürzen der Rippen.

Regen und Segen der Anpassung

An diesen Beispielen lässt sich gut verdeutlichen, welche Möglichkeiten das lernfähige Gehirn und der anpassungsfreudige Körper des Pferdes hat. Damit kann sich der Pferdekörper je nach den vorgefundenen Lebensbedingungen umstrukturieren und sich perfekt an neue Lebensräume, Bewegungsräume und Aufgaben anpassen (auch an den Menschen). Dass das Pferd seit so vielen, undenkbar langen Jahren unser „Partner“ geworden ist, haben wir also seinem lernfähigen Gehirn und dem anpassungsfähigen Körper zu verdanken.

So weit so gut

Aber wir müssen auch beobachten, welch zweischneidigen Auswirkungen diese Fähigkeiten des Pferdes haben können:

Denn etwas ist anders…

…es ist etwas grundlegend anders als in der Natur – wenn das Pferd in unsere Obhut kommt. Im Vergleich zum hochsozialen Herdenverhalten, die die Bewegungen des einzelnen Herdentieres perfektionieren und verfeinern, damit sich Persönlichkeit und die eigenen Fähigkeiten gut entfalten können (Nur wenn der einzelne gut ausgebildet ist, ist die Herde als Verbund lebensfähig), muss sich das Pferd in der menschlichen Gemeinschaft als „Einzelkämpfer“ unter Beweis stellen. Ohne den Rückhalt der „Familie“ – und ohne die Sicherheit der Herdengemeinschaft.

Der Mensch fordert also genau DIE drei Dinge vom Pferd, die das Pferd gar nicht kann – und auch nicht können kann, egal wie lange der Mensch es mit ihm „trainiert“, weil eben die genetische Programmierung andere Wege vorschreibt. 1. Das Pferd muss seine ewige Suche nach Gleichgewicht in den beengten Bewegungs- und Handlungsräumen aufgeben. 2. Es muss isolierte Körperteile nutzen und die auf manchmal abstruse Weise vom Menschen stärken lassen und vor allem 3. Es ist auf sich allein gestellt. Der Mensch isoliert es von seiner Familienherde…

…und bietet ihm in den unpersönlichen Muskel- und Erziehungstrainings auch keinen adäquaten Ersatz an. Die Zwangsbefreundung in Offenställen ist es jedenfalls nicht – und auch nicht die Einzelhaft in riesigen Pferdeaufbewahrungen. Denn das Pferd braucht einen engen physischen und psychischen Kontakt – es braucht, um seine körperliche Weiterentwicklung voranzutreiben, den verbindenden und verbindlichen Kontakt zum Menschen.
Es braucht die Interaktion mit dem Menschen.

Nun kommt aber noch dazu, dass unser menschliches Gehirn noch viel formbarer ist, als dass des Pferdes. Zeitlebens können dort neue Erfahrungen und Bewegungsmuster darin verankert werden. Und so haben auch wir, im Verlauf unserer bisherigen Entwicklung überall auf der Welt gelernt, unsere eigene Lebenswelt nach unseren eigenen Vorstellungen zu gestalten und uns damit immer besser mit den uns gestellten Aufgaben zurechtzufinden.

Und wie kann es auch anders sein, das hat natürlich zweischneidige Auswirkungen für das Pferd. Denn auch im Umgang mit dem Pferd hat der Mensch entsprechende Vorstellungen davon, wie es „besser“ gehen könnte und versucht das auch umzusetzen. Manchmal mit allen Mitteln. Der Mensch orientiert sich also nicht am Lebensstil des Pferdes, sondern folgt den eigenen – und den der jeweiligen Reitweisen zugrunde liegenden Vorstellungen und Regeln. Wie schnell und wandelbar die sind, sieht man mit einem Blick auf die Historie der Reiterei.

Der Mensch ist dabei bereit, seine Interessen gegenüber dem „Partner Pferd“ genauso rücksichtlos -wie bei vielem anderen – und damit auf Kosten der Natur des Pferdes durchzusetzen. Es fällt ihm augenscheinlich schwer den Blick dafür zu öffnen und zu erkennen, dass er mit dieser Vorstellung dabei ist, das Pferd als äußerst sinnesbegabtes Lebewesen zu ruinieren. Selbst wenn er Reitweisen und Equipment wechselt, bleibt es, wenn er mit denselben Vorstellungen weitermacht wie bisher, genauso desaströs für das Pferd.

Was wir also brauchen, ist nicht eine neue Art von Hilfszügel, keine neue Therapie, und auch nicht die Reitfähigkeiten einzelner Menschen, bei denen wir gegenwärtige Vorstellungen wie bisher weiterverfolgen können, sondern ein tiefes Verständnis davon, was das Pferd als Lebewesen – als lebendiges Wesen ausmacht.

Lernen von der Natur

Es gilt für den Menschen, fehlende „Bewegungsräume“ des Pferdes aufzufüllen. Das kann geschehen durch: 1. die menschliche Interaktion mit dem Pferd – um die Familienherde adäquat zu ersetzen. 2. Durch die Entwicklung einer Bewegungsvielfalt: um das Gleichgewicht, Gelenke und Wirbelkette zu schulen. Und 3. durch die Bewegungsfreude: damit die einzigartige Lernfähigkeit des Pferdegehirns erhalten bleibt, und weiter geschult und ausgebaut wird.

So können wir dem Pferd nicht nur die Familienherde ersetzen, sondern sogar neue „Bewegungsräume“ erschaffen. Und die Anpassung daranm ist wiederum ist etwas, was das Pferd durch sein lernfähiges Gehirn sehr gut kann. Denn dazu wurde sein Körper über Jahrtausende hinweg programmiert

Für das Pferd ändert sich zwar seine Welt immer noch komplett, wenn es zum Menschen kommt – manchmal sogar von einen Tag auf den anderen…aber dann eben im Positiven.

Ihre

Monika Buhl